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Einleitung
Schaut man in der einschlägig bekannten Literatur über den Guppy und andere Lebendgebärende nach, so fallen die sporadischen Hinweise zur artgerechten Fütterung deutlich auf. Meist wird auf der einen Seite Text auch mehr über die Gewinnung von Futtertieren erzählt als über die tatsächlichen Bedürfnisse.
Vielfach beginnen die Kapitel auch entweder mit dem Körperbau oder aber direkt mit den Nahrungsmitteln.
In meiner Abhandlung möchte ich den zweiten Teil der Nahrungsverwertung näher erläutern.
Grundlagen der Ernährung
Zur Aufrechterhaltung der Lebensfunktionen braucht der Fisch folgende Bestandteile:
Ø Fette
Ø Proteine
Ø Kohlehydrate
Ø Mineralien
Ø Vitamine
Zwar werden in den meisten Futterrezepturen die Rohfasern sträflich vernachlässigt, aber dennoch möchte ich sie hier nur der Vollständigkeit halber erwähnen, da sie für den ersten Abschnitt der „Ernährung“ mehr eine mechanische Bedeutung haben. Im zweiten Abschnitt jedoch sind sie austauschbar.
Bevor wir diese einzelnen Bestandteile der Nahrung betrachten, müssen wir bedenken, daß Stoffwechsel so etwas wie eine chemische Reaktion ist, die temperaturabhängig ist.
Nun wissen wir, dass Fische zu den wechselwarmen Lebewesen gehören. Deshalb hängt die Verdaubarkeit deutlich von der Umgebungstemperatur der Fische ab. Nach der Vant’Hoffschen Regel steigert sich bei einer Temperaturerhöhung um 10° die Reaktionsgeschwindigkeit um das Doppelte. Damit laufen die Verdauungsvorgänge beim Fisch etwa um 75% langsamer als beim Menschen.
Deshalb können z. B. Körperfette von Warmblütern so gut wie nicht verdaut werden. An deren Stelle sind die essentiellen Fettsäuren die erste Wahl. Essentielle Fettsäuren sind hochgradig ungesättigt und haben einen recht tiefen Schmelzpunkt. Dieser liegt meist sogar unterhalb der „Betriebstemperatur“ der Fische.
Besonders reich an solchen essentiellen Fettsäuren sind z. B. die „Fischöle“, aber auch einige pflanzliche Öle (Nachtkerze, Soja). Ihre Wertigkeit wird in den Namensanhängen ausgedrückt (‚Omega‘ 3).
Proteine haben ein vielfältiges Erscheinungsbild. So kennen wir Strukturproteine, Enzyme und ähnliche.
Proteine werden aus Aminosäuren gebildet und haben aufgrund ihres Aufbaus ein sehr hohes Molekulargewicht. Die beteiligten 22 unterschiedlichen Aminosäuren werden durch chemische Verbindungen zu einem Molekül gemacht. Aus der Anzahl und Menge ergibt sich eine unendlich große Zahl an möglichen Kombinationen und deshalb eine nicht greifbare Menge an unterschiedlichen Proteinen. Das erklärt, warum Proteine auch als Enzyme spezifisch tätig sein können.
Gerade Enzyme sind die unverzichtbaren Grundlagen des Lebens. Alle Formen von Lebensäußerungen werden durch Enzyme ermöglicht und gesteuert. Wir erinnern uns, dass in der Genetik der Satz „Ein Gen – Ein Enzym“ einer der Kernsätze ist. Deshalb können wir uns auch vorstellen, dass eine Fehlversorgung an Proteinen zu erheblichen Störungen bis hin zur Lebensunfähigkeit führen kann.
Nun ist es aber so, dass die mit der Nahrung aufgenommenen Proteine nicht direkt im Körper ihre Funktion erfüllen können. Nur eine geringe Anzahl an Enzymen wird universell verstanden. Die anderen werden in den Körperzellen neu aufgebaut, und zwar direkt aus den Aminosäuren. Diese müssen zuvor aus den aufgenommenen Proteinen herausgelöst werden, ebenfalls wieder mit Hilfe von speziellen Enzymen. Dies geschah bereits im ersten Abschnitt der Verdauung.
Von den 22 Aminosäuren sind 10 (je nach Zählweise auch 11) bekannt, die in den Nahrungsgrundlagen vorhanden sein müssen. Die restlichen können aus anderen Aminosäuren umgebaut werden. Die erstgenannten, unentbehrlichen Aminosäuren nennt man „essentielle Aminosäuren“. Ihre Menge bestimmt wie anhand des „Liebig’schen Fasses“ eindrucksvoll aufgezeigt, wie viel des gesamten Proteins letztlich verwertbar ist. Da die essentiellen Aminosäuren in der Regel in tierischem Protein in höherer Menge als im pflanzlichen vorhanden sind, ist entsprechend tierisches Protein zu einem größeren Prozentsatz verdaubar als pflanzliches.
Mineralien werden klassisch aufgrund ihres mengenmäßigen Einsatzes in Spuren- und Mengenelemente unterteilt. Mengenelemente sind z. B. Kalzium, Phosphor und Magnesium, Spurenelemente sind z. B. Eisen, Kupfer, Mangan, Selen und Zink.
Alle genannten Mineralien können im Wasser in Lösung gehen, wobei einige sogar in lebensbedrohlichen Konzentrationen vorliegen können. Hierbei kommt es auf die Art an, in welcher Salzform das Mineral vorliegt.
Kohlenhydrate sind in der Regel als komplexe Moleküle vorhanden, wie z. B. als Stärke. Nur wenige kommen direkt als Zucker (Mono-Sacharide, Di-Sacharide, Oligo-Sacharide) in der Nahrung vor.
Die zweitwichtigste Gruppe neben den Aminosäuren ist die Gruppe der Vitamine. Vielfach wird ihre Wirkung zwar überbewertet, doch ohne sie läuft ebenfalls kein Stoffwechsel.
Wir unterscheiden die Vitamine in fettlösliche und in wasserlösliche.
Zu den wasserlöslichen gehören die B-Vitamine (wie B1, B2, B6, B12, Pantothen, Fol, Niacin, Biotin), Cholin, Inositol und natürlich Vitamin C. Letzteres ist allerdings nicht ein Vitamin im herkömmlichen Sinn, denn es kann von Fischen selbst synthetisiert werden.
Die Gruppe der fettlöslichen besteht aus Vitamin A, Vitamin D, Vitamin E und Vitamin K.
Nachdem die B-Gruppe bereits in einem früheren Artikel (siehe GuppyBrief 2/2004) etwas ausführlicher behandelt wurden, möchte ich auf diesen Artikel verweisen. Herausheben möchte ich nur noch einmal, daß die meisten entweder als Co-Enzyme an den diversen Stoffwechselvorgängen mitbeteiligt sind.
Dem Vitamin A kommen wichtige Beteiligungen am Sehvermögen (Retinol/Sehpurpur) zu. Außerdem ist es am Aufbau von Epithel und Schleimhäuten mitbeteiligt. Das weitaus größte Vorkommen ist in der pflanzlichen Nahrung, allerdings in Form der Carotinoide. Diese C-40-Moleküle können zu 1 bis 2 Molekülen Vitamin A verändert werden. Als Carotinoide wiederum sind sie an der Farbgebung speziell der Deckfarben beteiligt.
Carotinoide sind immer pflanzlichen Ursprungs, sie müssen also (wie andere essentielle Bestandteile) in der Nahrung enthalten sein. Ein körpereigener Aufbau ist nicht möglich.
Vitamin D ist in der pflanzlichen Nahrung ebenfalls nur als Vorstufe enthalten. Diese nennt sich Ergosterin und wird erst durch UV-Einstrahlung zum körper-wirksamen Vitamin D3 umgebaut.
Vitamin D ist für die Resorption von Kalzium und Phosphor verantwortlich und beeinflusst somit die Knochenbildung.
Vitamin E hat wichtigen Anteil an der Kontrolle der DNS-Bildung (Das was wir als „Gene“ bezeichnen, ist aus der DNS aufgebaut), sowie beim Kohlehydrat- und Fettstoffwechsel. Daneben hat es als natürliches Antioxidans Einfluss in Form von Lipidschutz. Die allseits angenommene Beteiligung an der Fortpflanzung (es wurde teilweise als das Fruchtbarkeitsvitamin bezeichnet) liegt nach heutiger Sicht wohl am ehesten darin, dass Fettreserven des Körpers aufgezehrt werden.
Vitamin K gehört zu den Stoffen, die die Gerinnungsfähigkeit des Blutes gewährleisten.
Von den Mineralien sollen uns vor allem Kalzium und Phosphor interessieren, die (siehe beim Vitamin D) bei ihrer Aufnahme gegenseitig konkurrieren. Deshalb ist nicht nur die absolute Menge der beiden Mineralien von Bedeutung, sondern auch die Relation der beiden zueinander. Dies wird als „Ca:P = 1:1,6“ dargestellt.
Kommen wir nun zu den Besonderheiten der Fischernährung. Da ist vor allem das Milieu zu nennen, in dem die Fische leben, das Wasser. In ihm sind bereits einige Stoffe gelöst, die der Fisch braucht. Deshalb kommt es bei diesen Stoffen auch nur selten zur Unterversorgung. Zur Beurteilung gehören die bekannten Wasserparameter, allen voran die Wasserhärte und die Leitfähigkeit.
Die Aufgaben der einzelnen Bestandteile
Nachdem Proteine als Aufbaustoffe und Funktionsstoffe gekennzeichnet sind, fällt den beiden anderen Hauptgruppen (Fette und Kohlenhydrate) überwiegend die Rolle der Energielieferanten zu. Auch Proteine können, bei Überangebot – und vor allem in Ermangelung der anderen Energielieferanten – zur Energiegewinnung herangezogen werden. Allerdings ist die Ausnutzung stark ungleich. Setzen wir den Wirkungsgrad von Kohlenhydraten gleich Eins, so ist der Energiegewinn von Fetten bei 1,6 und der des Eiweißes nur bei 0,6 bezogen auf die Gewichtsmenge.
Daneben hat die Energiegewinnung aus Proteinen noch die unangenehme Eigenschaft, dass Rückstände verbleiben, die im Organismus zu Schäden führen können. Deshalb muss bei der Futterzusammenstellung jeder einzelne Bereich ausgewogen sein.
Futter-Gestaltung
Erst jetzt nach dem Erkennen der Zusammenhänge in der Ernährung wagen wir uns daran, ein Futter zusammenzustellen, das für unseren Guppy die richtigen und notwendigen Grundlagen zur gesunden Entwicklung und Lebensweise schafft.
Falls ich vergaß zu erwähnen, sei es hier geschehen, dass der Guppy als „Gemischtköstler“ angesehen wird. Somit setzt sich seine Nahrung sowohl aus tierischen als auch aus pflanzlichen Bestandteilen zusammen. Dies ist auch an der Form und der Länge des Verdauungstraktes erkennbar (siehe hierzu Bremer, 1997, Aquarienfische gesund ernähren; S. 157).
Eine gute Zusammensetzung sollte etwa 40% Proteine, rund 6% Rohfett und etwa 5% Rohfaser enthalten. Damit wird ein gutes Verhältnis zwischen verdaubarem Protein und dem Energiegehalt erreicht. Wie schon oben angesprochen ist eine starke Erhöhung des Proteingehaltes unerwünscht. Ein Rohasche-Anteil von 9% deckt dazu den Mineralhaushalt wohl recht gut ab.
Bei den Vitaminen sollen uns zuerst einmal die fettlöslichen interessieren, da wir bei ihnen nicht nur durch eine Unterversorgung, sondern auch durch eine Überversorgung Schäden zu erwarten haben. Fettlösliche werden nämlich bei Überschuss im Körper bevorratet und können bei ständigem Überangebot zum Teil heftige Reaktionen veranlassen.
Folgender Gehalt bezogen auf 1 Kilogramm Futter ist als ausgewogen zu betrachten:
Vitamin A 6.000,00 IE
Vitamin D3 600,00 IE
Vitamin E 60,00 mg
Vitamin K 4,25 mg
An B-Vitaminen kann eigentlich nicht zu viel im Futter vorhanden sein, denn diese werden bei Überangebot wieder aus dem Körper ausgeschieden. Es kommt zu keiner Vorratshaltung.
Rohstoffe für ein geeignetes Grundfutter (oder Hauptfutter) sind zur Genüge bekannt. Verwendet werden können pflanzliche Stoffe, die einen günstigen Proteingehalt haben, wie z. B. Soja. Allerdings kann nur getoastetes (= Hitzebehandeltes) Soja verwendet werden, da sonst die Proteine für den Fisch nicht nutzbar sind. Auch Algenmehl ist ein interessanter Rohstoff. Die Spirulina ist zwar keine Alge im eigentlichen Sinn, soll aber hier besonders hervorgehoben werden. Zum einen hat sie einen recht hohen Proteingehalt, zum anderen einen beachtlichen Anteil an Carotinoiden, die zur besseren Farbensynthese nötig sind.
Über den Einsatz tierischer Futtermittel wurde ja bereits einiges gesagt, so z. B. dass Warmblüterfleisch weniger bekömmlich ist. Fischmehl, Lachsfilet, Mehl von Krustentieren (Garnelen, Krebse) sind als gute Grundlage bekannt. Neu ist der Einsatz von Seidenraupenpuppen, die seit einiger Zeit getrocknet im Handel sind und durch ihren hohen Proteingehalt und ihren Gehalt an essentiellen Fettsäuren einen hohen Stellenwert besitzen.
Eine ganze Menge an einzelnen Stoffen wertet das Futter deutlich auf. So kann – je nach Ausgangslage – ein Mineralstoffgemisch genauso wertvoll sein wie ein Vitamingemisch zur Lebenssicherung beiträgt. Ihr Einsatz und Menge hängen von den verbliebenen Mengen an Vitaminen stark ab, weshalb auch nicht ein generelles Rezept zur Beimengung gegeben werden kann.
Carotinoide sind m. E. unerlässlich, wenn man die genetisch vorgegebene Fischfärbung erhalten möchte. Ob dies nun über entschärftes Paprikapulver oder über direkte Zugabe von Carotinen wie Lutein und Astaxanthin geschieht, wird leider von einigen Züchtern bereits als Dogma betrachtet. Diese Züchter glauben, dass ‚künstliche‘ Farbstoffe die Natur des Guppy verfälschen könnten. Da aber genau diese genannten Carotine, allen voran Astaxanthin, in den Chromatophoren der Fische ihren Einsatz finden, ergänzen wir nur dort, wo in unserem Futter Defizite vorprogrammiert sind.
Schluss
Die letzte Hürde, die wir nach der Zusammenstellung des Futters zu nehmen haben, ist natürlich die Akzeptanz beim Guppy. Doch hier haben wir eindeutig Vorteile z. B. gegenüber einem Diskuszüchter. Der Guppy frisst nahezu alles. solange es mit seinen Kiefern und Zähnen aufnehmbar ist.
Die Zubereitung und die entsprechende Gestaltung von Futtermitteln soll jedoch einem weiteren Beitrag vorbehalten bleiben.
Lassen Sie mich noch einen Gedanken zum Schluss aufführen.
Der Guppy hat wie jedes andere Lebewesen unterschiedliche Bedarfsphasen. Trächtigkeit und Wachstum benötigen andere Bestandteile als z. B. das schlichte Überleben. Wir sollten deshalb stärker bedarfsorientiert füttern und die Futterzusammenstellungen variieren. Ebenso gehört es zu den Grundlagen erfolgreicher Fütterung, dass abwechslungsreich gefüttert wird. Hiermit erhalten wir eine wesentliche Lebensqualität für unsere Pfleglinge.
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